Sam ist vorsichtig. Das hab ich sofort gemerkt, als er mich angesprochen hat. Seine vorsichtige Art hat mir gefallen. Oberflächlich wirkte er kühl und gleichgültig, aber die Narben an seinem Herzen waren offensichtlich. Es war offensichtlich, dass er vorsichtig sein will. Er hatte keine Angst vor Zurückweisung, sondern er hatte Angst, zuviel zu geben, das nicht erwidert wird. Er hatte Angst vor impulsiver Zuneigung, die ihm im nächsten Moment wieder entzogen wird. Er hat Angst davor, sich zu verlieben und zu verlieren.
Ich liebe Sam. Ich möchte nicht mit ihm zusammen sein, dazu ist er mir zu ängstlich, und ich zu dickköpfig und zu sehr geneigt ihn zu verletzen. Paradoxerweise bin ich eher geneigt ihn zu verletzen, wenn ich sehe, dass er sich aus Angst zurückzieht. Aber Liebe wird aus Mut gemacht, und ich bin zu freiheitsliebend für Kompromisse - genauso wie er.
daisee gell - 12. Feb, 02:14
I don't believe in you
when you think, you can do it all by yourself.
Wer hat dir die Kraft gegeben,
wer hat dir die Bildung gegeben,
und wer hat sie bezahlt?
Wer hat dir ihre Arbeitskraft gegeben,
ihre Unterstützung
ihr Geld
und ihre Ressourcen?
Und wenn du wie JB soviel Geld gescheffelt hast,
um noch 50.000 Satelliten ins All zu schießen
und großzügig die Welt mit Internet zu versorgen
damit sie deinen Scheiß kaufen können
und dafür ausgebeutet und fremdgesteuert werden
sollen wir dir danken?
Das sind nicht deine Satelliten, JB
Sie gehören denen, denen du ihre Rechte verwehrt hast
die du ausgebeutet und wie Nutzvieh behandelt hast,
und denen, deren Geschäft du zerstört hast,
denen, die deine Steuern gezahlt haben,
und deren Bodenschätze und Ressourcen du gestohlen hast,
...uns allen eigentlich. Also Danke für nichts. Die Satelliten gehören uns, denk nicht mal dran.
Kein Mensch wird von alleine groß. Die Lieferkette will entlohnt werden.
daisee gell - 29. Jan, 02:00
Ich bin jetzt im echten Leben.
Das ist für mich nicht das Leben mit dem Vollzeitjob und dem Bausparvertrag-fähigen Einkommen, und der sich anbahnenden Familie. Dieses Leben konnte ich mir nie so wirklich für mich vorstellen, und mich manchmal gefragt, warum ich das eigentlich nicht hinkrieg, gleichzeitig war das darüber nachdenken allein schon nicht wirklich interessant für mich. Ein Job, für den ich 40 h meiner Zeit verkaufen würde, war für mich auch noch schwer vorstellbar. Das mit der Familie ... naja ich hab den Richtigen noch nicht getroffen und vielleicht kommt er auch nicht. Ich werde ins Elternhaus ziehen und meine Schwestern und Nichten und Neffen um mich haben. Das gibt mir eigentlich Liebe und Familie und Kinder genug. Vor allem Platz um zu Malen. Aber in diesem Leben bin ich noch nicht. Es ist nur der Gipfel, den ich schon sehen kann. Der Weg dahin könnte jetzt ziemlich straight forward sein, wer weiß ob noch etwas dazwischen kommt. Früher oder später werd ich aber dort sein.
Mit 17 schrieb ich auf meinen Spiegel verschiedenste Revolutionssprüche, von Che Guevara bis Rosa Luxemburg. Jean Ziegler hat meine Wut geweckt und in die richtige Richtung gelenkt. Auf meine Mutter war ich nur wütend, weil ich etwas mehr Raum brauchte - und sie eben auch. Es wurde eben Zeit, dass ich ausziehe. Ich wollte eine Revolution anzetteln, später -als die Politik doch anstrengend wurde- wollte ich Malerei studieren. Heute sehe ich, dass ich damals wirklich zu unreif war. Stattdessen kostete ich mich durch die Geisteswissenschaften.
Was soll aus mir werden? Politikerin, Künstlerin, Philosophin? In meiner kleinbäuerlichen Familie alles eher Schimpfworte als Berufe... Was kann ich denn anderes? hab ich mich verzweifelt gefragt. Irgendwas Soziales vielleicht? Diese Frage hab ich jetzt über 10 Jahre vor mir hergeschoben, hab sie in Jackentaschen vergriffen oder in Hosentaschen mitgewaschen, sie als Fussel von meiner Wäsche gepflückt und unters Bett gekehrt und sie wahrscheinlich irgendwann mit dem Staubsauger weggesogen. Aber wie die Ameisen kommt diese Frage doch irgendwie immer zurück. Läuft mit mir mit, wie ein offenes Schuhband, das ich nochmal fester binde und mit einem zusätzlichen Knoten sichere. Aber sobald ich aus dem Schuh raus muss, schwirrt sie schon wieder herum und sucht sich ein neues Versteck.
Jetzt bin ich im echten Leben. Das heißt, ich habe akzeptiert, dass Malerei und Gewerkschaft eben das sind, was ich mache. Klassenkampf und Kunst. Ich bin noch in den Kinderschuhen, ich bin erstmals Verhandlungsleiterin für einen Kollektivvertrag, ich hab erstmals 23 Bilder in 2 Monaten gemalt und 2 davon um insgesamt ein Monatsgehalt verkauft. Ich hab endlich ein engagiertes Team, mit dem ich für eine gerechtere zukünftige Arbeitswelt arbeite und kämpfe und habe ein konkretes Handlungsfeld für konkrete Handlungen von potentiell weitreichender Bedeutung und internationale Vernetzung. Ich bin im Vorstand eines Kunstvereins und hab die schwere Aufgabe, den Verein nach 10 Jahren aufzulösen und das Atelier zu räumen, einen Konflikt mit dem alten Vorstand durchzustehen, und vielleicht mit den richtigen Leuten einen neuen Ort aufmachen. Mein 17-jähriges Ich wäre doch zufrieden. Auf die Frage, warum erst mit 32, würd ich ihr sagen: Das ist der Reifeprozess und jetzt schlaf weiter, und vergiss meinen Besuch in deinem Traum schnell wieder.
Mein Jetzt-Ich ist sich nämlich noch gar nicht so sicher, ob es dem ganzen gewachsen ist. Natürlich bin ich dem gewachsen, weil ich bin jetzt hier und es gibt keinen anderen Weg als diesen und es geht jetzt nurmehr voran. Es ist wie eine neue Schule, ein neues Studium, von dem ich nicht weiß, wann ich abgeschlossen haben werde oder was danach kommt, ich kann mir nur vage vorstellen, wo ich im nächsten Jahr sein werde. Das Leben kommt gerade wie ein Lehrplan auf mich zu, ich brauche nur meine selbst eingefädelte Routine leben bis ich merke, dass ich eine Stufe weiter bin.
Es ist nur herausfordernd. Ich bin leicht gereizt. Mein Jähzorn löst sich nicht mehr so schnell auf, er hängt mir oft stundenlang nach. Ich bin emotional instabiler als sonst. Gleichzeitig weiß ich, dass es Zeit wird, mein Zimmer aufzuräumen, auszumisten, Platz zu schaffen um Yoga zu machen, meine To-Do-Liste langsam abarbeiten, wiedermal williger morgens aufstehen, vielleicht sogar Joggen, bestenfalls Eisschwimmen.
"Willst du drüber reden?" fragt mich ein Freund.
Nein, es gibt nichts zu bereden, gebe ich trocken zurück. Meine sozialen Nerven schwächeln enorm, auch Menschen die es gut mit mir meinen, sind mir anstrengend. Es gibt nichts zu bereden, es gibt nur was zu tun. Ich weiß was ich tun muss, darüber reden ist Zeitverschwendung.
Dennoch hat Schreiben geholfen.
daisee gell - 7. Jan, 20:50
Ich bin emotional.
Ich kann schnell aufbrausen und ich kann schnell laut werden. Wenn mir etwas wichtig ist, wird meine Stimme energisch. Wenn mich etwas berührt, steigen mir schnell Tränen in die Augen. Wenn ich das Gefühl habe, mich verteidigen zu müssen, werde ich energisch, laut, gleichzeitig fange ich zu weinen an.
Ich lache genauso schnell und heftig wie ich weinen kann.
Meine Stimmungen wechseln aber nicht schnell, sie sind über den Tag stabil, oft auch über Tage, vielleicht auch über 2-3 Wochen. Einmal im Monat bin ich leichter reizbar und explosiver als sonst. Wenn man mich nicht ernst nimmt oder mir nicht zuhört, werde ich wütend - laut und energisch in der Stimme.
Ich werde fast nie beleidigend, außer vielleicht im Straßenverkehr, da beschimpfe ich oft und viel zu viele Menschen. Musik hilft da meistens.
Und ich finde mich genau so wunderbar.
Wer sich von meinem emotionalen Wesen gekränkt fühlt, sollte wirklich einfach von mir Abstand nehmen und sich ernsthaft viel mehr mit seinen eigenen Emotionen befassen und damit, was er an ihnen so schändlich findet, dass er sie lieber in sich hineinfrisst, als sie anderen zuzumuten. Ich bin für eine offene Gesellschaft.
Nur tone-policing macht mich halt noch mehr aggro. Wer das von mir verlangt, sollte besser gleich Kontakt abbrechen.
daisee gell - 16. Dez, 20:25
Vor dem Hintergrund, dass die Welt zugrunde geht und wir vielleicht ohnehin nurmehr 30 Jahre zu leben haben,
- wobei doch immer mehr Menschen und Regierungen umdenken, und wer weiß was tatsächlich passiert. Manchmal haben wir Menschen auch verdammtes Glück. -
habe ich mein erstes Bild verkauft. Ein Selbstportrait, ein "Selbstakt", wie der Kunstsammler bemerkt, auch wenn es trotz der Nacktheit niemand wirklich so genannt hätte. Ich nannte es einfach das Blaue Selbstportrait. Daneben gibt es noch ein grünes, das mich nur bis zur Brust zeigt, die nicht nackt ist.
Das Blaue wollte ich noch überarbeiten. Ich fand es fertig, als ich es fertig gemalt hatte mit all seinen Imperfektionen. Aber die Kritiken meiner perfektionistischen Freunde, die lieber eine Hand sehen wollten, als eine komische unfähige Flosse, und einen proportional korrekten Fuß und eine anatomisch korrekte Kniekehle, sind mir dann doch näher gegangen. Ich fand es also vielleicht noch nicht fertig, aber es sollte bereits bei der Ausstellung unseres kleinen Ateliers hängen. Ich dachte ja nie daran, es zu verkaufen; mehr dachte ich darüber nach, ob es nun, da es veröffentlicht war, fertig ist, oder ob ich es doch noch überarbeiten kann. Oder würde ich es einfach neu malen?
Die 150 € die er mir sofort in bar angeboten hätte, fand ich eine Beleidigung, aber es war halt alles was er da hatte. Aber für wie hungrig hält er mich denn? Schließlich hatten wir uns darauf geeinigt, dass er es um 700€ einen Monat nach der Ausstellung haben kann. Ich glaube es erst, wenn es tatsächlich geschehen ist.
"Einen Monat nach der Ausstellung", hatte ich ihm vorgeschlagen, weil ich das Bild nochmal malen wollte. Eine überarbeitete Version. Wenn sie gut wird und wenn wer fragt, würde ich 1050 dafür verlangen, vielleicht sogar gleich 1400.
Jetzt ist es fast fertig, anatomisch korrekte Kniekehle, proportional korrekter Fuß, eine Hand die schon fast den Bilderrahmen ergreifen könnte, ein fototreuerer Gesichtsausdruck. Wenn ich es ihm um 1050 anbieten würde, würden die 700 für das Original wie ein guter Preis wirken. Ich glaube nicht, dass er es mir für 1050 abnehmen würde. Aber 700 sind auch gut, und das neue kann ich immer noch der Mama schenken.
daisee gell - 26. Okt, 14:13
Aufgeräumt
Einen weiteren Teil meiner Sachen von Py zu mir gebracht
Umzugskartons besorgt
Haushaltsversicherung gekündigt
mich um E-Mails gekümmert
Bewerbung geschrieben
Gekocht
Wäsche gewaschen
Müll raus gebracht
Eine Freundin hat endlich ihr Rad abgeholt
Außerdem hab ich Freunde getroffen, war wandern, baden, und ca 6 Stunden in einem Online-Meeting um die Revolution zu planen.
Von Samstag bis heute waren gute Tage.
daisee gell - 22. Sep, 00:26
Man muss sich die Ruhe, den Raum und die Muße nehmen,
Dinge zu versuchen, einfach aus Neugierde, Freude oder Bedürfnis,
auch wenn das Ergebnis oder sein Zweck noch ungewiss ist.
Menschen waren nie nur Jäger und Sammler und Eltern von Jägern und Sammlern. Menschen waren immer Schöpferinnen. Von fixen Ideen getrieben, aber nicht immer mit Ziel und Verstand, nicht immer wissend was man tut, manchmal einfach einer Laune folgend, am Ende vielleicht nachjustieren oder von vorne beginnen, oder es einfach so lassen, denn die Welt ist groß genug und nichts hält ewig. Es ist ein Prozess.
Jedes meiner Geschöpfe trägt eine gewisse Magie in sich, etwas Lebendiges. Wenn ich sie am stärksten spüre, dann weiß ich, dass es fertig ist. Manchmal fühle ich auch etwas aus Ehrfurcht, das ist dann vielleicht die Kraft - oder das Spannungsverhältnis zwischen dem Geschaffenen und der Kraft, die das ganze wieder zerstören könnte, abgesehen von dem, was früher oder später ohnehin eintreten wird. Meistens ist das meine eigene Angst. Dann muss ich mich damit auseinandersetzen um zu wissen, ob ich nun fertig bin oder nicht.
Das Geschöpf ist fertig, wenn ich fertig bin.
So wie dieser Text hier, stellt mir das Werk im Prozess viele Fragen, die ich so stehen lassen kann, als rätselhafte Statements mit gefühlter Sinnhaftigkeit. ...oder ist es bloße Hirnwichserei und ich sollte lieber die Zeit mit geliebten Menschen nutzen, denn sie ist so kurz?
Man muss sich die Zeit, die Ruhe und die Muße nehmen. Es ist nicht immer Raum da, um sich von geliebten Menschen herausreißen zu lassen. Sie zu inspirieren, ist das Ziel.
daisee gell - 6. Sep, 10:53
Was in der Wissenschaft keinen Platz hat, hat Platz in der Kunst.
Was in der Freundschaft keinen Platz hat, hat Platz in der Kunst.
Was in der Liebe keinen Platz hat, hat Platz in der Kunst.
Was in der Gesellschaft keinen Platz hat,
Was in der Politik keinen Platz hat,
Was in der Wirtschaft keinen Platz hat,
findet Platz
im Krieg.
Krieg
Macht
Platz.
Was im Krieg keinen Platz hat,
Machtplatz für Kunst.
daisee gell - 6. Sep, 10:36
Mein Vater erfreut sich bester Gesundheit, meine Eltern sind gerade sehr aktiv, unternehmen viel, streiten wenig und unser Verhältnis ist auch wieder besser. Er soll uns alsbald auch die Hauswinzerei lehren und sich am Heranwachsen aller Kinder und Tiere erfreuen, die sich in und um seinem Haus tummeln, und damit auch der neuen Pläne nicht müde werden. Auch wenn das Hochwasser das alte Boot mitgenommen hat, bevor er nach dessen Vorlage ein neues bauen konnte; immerhin hat das Hochwasser auch die Bäume mitgerissen, die wir zuvor nicht mehr aus dem Fluss zerren konnten. Das Hochwasser zeigt immer wieder, dass unsere die Welt nicht ewig ist, sondern sich stets verändert. Mit jedem Gewitter können die Karten neu gemischt werden. Danke soweit allen bekannten und unbekannten Sternen des Universums! Seit meinem letzten Eintrag erfahre ich soviel überraschenden Zuspruch und Unterstützung, was meine Zuversicht nährt. Die Angsfreiheit wird langsam wieder zu einem gewohnten Gefühl, wie damals, als ich aufgehört hatte, meinen Vater um Rat zu fragen. Ich weiß nicht mehr genau worum es ging; ich war Anfang 20 und ich wollte seine Meinung zu irgendeiner für mich wichtigen Entscheidung wissen. Er sagte nur: "Das weißt du selbst am besten, das kann ich dir nicht sagen."
"Papa, ich frage aber jetzt dich um Rat", sagte ich.
"Und mein Rat ist, dass du diese Entscheidung selber am besten triffst, ohne dass ich oder irgendwer anderer dir was drein redet."
So bin ich endlich wieder offen und kompromisslos intuitiv auf meiner Reise.
daisee gell - 4. Sep, 07:14