Flugschreiberin

du nennst mich den Namen deiner Tochter
du schreist mich an
du erklärst mir alles in scharfem, lauten Ton
du sagst mir ich soll ruhig bleiben

ich bin ruhig. ich bin vielleicht verzweifelt, aber viel ruhiger als du. ich weine und wollte dir mitteilen, wie ich mich fühle, wie schlecht dieser Deal für mich ist, dass mir das so nicht gut tun wird, dass ich Angst habe, alles zu verlieren, was ich mir an psychischer Gesundheit aufgebaut habe, und mir dafür auch noch einen Kredit aufnehmen soll.
Du zuckst aus und schreist mich an.
Was ich zu sagen habe, willst du nicht hören, ich darf gar nichts sagen
Nein jetzt redest du! Blablablaschreischreischrei
du holst keine Luft um mir ja keinen Raum zu lassen.
ich kratze und beiße mich selbst, um mich irgendwie noch auszudrücken, aber das siehst du nicht.
Ich seh es noch Tage später.
Du schreist weiter, laut und schnell, deine Stimme überschlägt sich,
ich bin fast beeindruckt, wie die sich überschlägt.
Du schreist, Mama und ich hätten unsere Emotionen nicht auf der Reihe.
du möchtest nur diese Bürokratie des Erbes erledigt haben, meine Gefühle seien dir egal, es reicht dir mit meinen psychischen Problemen, es geht hier nicht um Gefühle sondern um den Nachlass,
blablablaschreischreischrei
ob ich das verstanden habe?
ja, es reicht dir. Ich hab hier keinen Platz.

Mama begegnet mir dagegen mit Verständnis und Entgegenkommen.
Sie ist nicht offen für meine Lebensweise und urteilt darüber ohne Einblick zu haben, und möchte mich nicht in ihrem Haus leben lassen, wie ich will. Mit Freund:innen statt mit einem Partner, mit fremden Menschen, nein so habe sie sich das Leben nicht vorgestellt. Aber
auch sie will keinen Streit,
eher bietet sie mir ihre Ersparnisse, damit ich nicht mit ihr unter einem Dach leben muss;
das ist hart, ich wünschte es wäre anders, aber immerhin:
sie will mich unterstützen, mein eigenes Leben zu führen.

Aber du willst, dass ich mir gegen Mama meinen Platz im Haus erkämpfe. Du musstest das auch tun, also auch ich. So geht Familie.

Weißt du, die Welt ist groß
und ich bin frei.
Es hat mich sehr viel Mühe und fast ein Jahrzehnt Therapie gekostet, um frei zu sein.
Ich hab Suizidgedanken gegen Reisepläne eingetauscht.
Nicht ins Familienhaus zurückkehren
- dann wäre ich wurzellos und du freundinlos, sagst du.
Weißt du, was du da sagst?

Es gibt viele Menschen, die mich nicht anschreien oder auf mich einreden, als wär ich ein Teenager.
Die schreien auch mit ihren Teenager-Kindern nicht so.

Wenn du meinst, du müsstest dich als Lehrerin die ganze Zeit zusammenreißen und auf deine Worte achten, und du willst das in der Familie nicht tun,
dann wär ich lieber nicht mit dir verwandt.

Dennoch bist du meine Schwester,
aber meine Freundin bist du nicht.

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